Ingrid Thorwart:

Neue künstlerische Ansätze zu Natur und Landschaft

- Das internationale Ausstellungsprojekt planet solitude in Pasinger Fabrik 2017

 

 

KünstlerInnen aller Jahrhunderte sind in die Landschaft gegangen. Hier haben sie sich Inspirationen geholt. Wie die meisten Menschen, insbesondere seit der Industrialisierung, sind sie der Sehnsucht nach einer stimmigen Welt gefolgt, der Welt des ewigen Werdens und Vergehens. Nicht zuletzt haben sie in der Natur einen Raum der Ruhe und der Abgeschiedenheit gesucht. Dieser weite Raum bietet eine unendliche Vielfalt an visuellen Eindrücken und insbesondere Raumeindrücke im Zusammenspiel mit dem endlos wandelbaren Licht der Atmosphäre. Dann gab es und gibt es die KünstlerInnen mit Liebe zum Detail, die sich die Elemente der Natur in Nahsicht vornehmen, sich unter anderem mit Pflanzen intensiv auseinandersetzen und deren Einmaligkeit ein Denkmal setzen.

 

In den Arbeiten der planet solitude KünstlerInnen findet man beide Ansätze, den Fokus sowohl auf die Weite als auch aufs Detail gerichtet. Außerdem setzen sie sich mit konkreten Orten auseinander, wie es schon klassische Landschaftsmaler der Kunstgeschichte taten, besonders intensiv die Künstler der verschiedenen Künstlerkolonien. Gleichzeitig spielen die KünstlerInnen mit dieser Verortung in vielfältiger Weise, auch ironisch und kritisch, nicht zuletzt weil alle von ihnen mindestens einen Ortswechsel und vier von ihnen sogar einen Landeswechsel in ihrem Leben bewältigt haben. Auch ist der Ortswechsel bei den Ausstellungen von planet solitude Name und Programm, was auch die Geodaten 48‘15‘N, 11‘46‘E im Pasinger Ausstellungstitel zeigen. Als eine Wanderausstellung, die in ihrem Konzept unter dem gleichen Titel, jeweils in variabler Besetzung, Ausstellungen in verschiedenen Orten zu realisieren vorhat, setzt sie sich immer neu in Bezug zum jeweiligen Ausstellungsort. Vor Pasing wurde eine Ausstellung Namens planet solitude auch schon in einer etwas anderen Besetzung in Pori, Finnland gezeigt. Ob Ortsfindung oder Hommage an einen Ort, zum Beispiel an dessen besondere Topografie oder dessen Klima: immer spielt sich diese Ortsbestimmung auch auf der Ebene der Kunst ab. Die KünstlerInnen loten die Grenzen ihres Mediums aus und versuchen immer neue Wege zu finden.

 

Bronzeguss, Videofilm, Heliogravüre, Fotografie / experimentelle fotografische Reproduktion, Öl- und Acrylmalerei sind die Arbeitstechniken, die hier präsent sind. Die planet solitude KünstlerInnen haben diese Techniken über Jahre hinweg auf vielerlei Art erprobt und weiterentwickelt und sind dabei sehr experimentierfreudig geblieben.

Theresia Hefele: „Arktis“, 2015-2017, Serie von 16 Tafeln, je 26 x 20 cm, Fotoemulsion auf Holz, getont und koloriert

Foto Yukara Shimizu

Zum Beispiel hat Theresia Hefele ihre eigene Technik entwickelt: sie präpariert massive Holztafeln mit einer speziellen, lichtempfindlichen Emulsion und belichtet sie darauffolgend mit Fotografien, die entweder ihre eigene Aufnahmen sind oder welche, die sie in diversen Fundgruben, wie Trödelmärkten, gefunden hat; anschließend bearbeitet sie die Tafeln teilweise noch mittels chemischer Toner. Es entstehen so objekthaft wirkende, meist kleine Bildtafeln, die in hellen, bläulichen, grünlichen oder bräunlichen Tonwerten untereinander in feinsten Abstufungen abweichend geheimnisvoll schimmern. Dabei handelt es sich immer um Open-Air-Situationen, in denen das Licht eine große Rolle spielt. Ihre Aufmerksamkeit gilt dabei sowohl dem Blick in die Weite der Landschaft, als auch den genau beobachteten, aus der Nähe gesehenen Strukturen und Objekten, wie in der Serie „Flüsse“. In den Landschaften der „Arktis“ -Serie lösen sich wiederum die Formen - schroffe Berge, Eisschollen, Tannen, Behausungen - in sanftem, schleierigem Licht auf. Das Auge des Betrachters wird, wie es oft bei planet solitude vorkommt, über weite, ebene Fläche, seien es Wasserflächen, Heide oder Strand, in die Tiefe gezogen und Ortswechsel sowie Reiseerfahrungen werden thematisch umkreist. Zu sehen sind Flächen, auf denen Hütten, Bäume, vereinzelt Menschen wie Solitäre aufragen, oder gar nichts. Nicht nur die visuelle Erscheinung der Bilder, sondern auch die Hintergrundinformation, dass die Bildmotive aus diversen thematisch passenden Tafeln des großen Bildarchivs von Theresia Hefele zusammengestellt sind und manche gar abfotografierte Miniaturlandschaften darstellen, lässt den Eindruck der Unergründlichkeit aufkommen: Woher stammen die Motive, wer hat sie gemacht? Warum glaubt man sofort, dass es sich um die Arktis handelt? Die Landschaftsdarstellung mit ihrer Komponente der dahinterliegenden Reiseerfahrung, welche ja auch deren Heroisierung im deutschen Idealismus anklingen lässt, wird so ironisch paraphrasiert.

 

In ihrer 15-teiligen Serie „Flüsse“, in der alle abgebildeten Flüsse klar verortet sind und von Theresia Hefele namentlich genannt werden können, zeigt die Künstlerin Flussoberflächen in Nahaufnahme als bildfüllende und -strukturierende Muster. Die durch Fließgeschwindigkeit und Lichtverhältnisse von subtilen Unterschieden geprägten Bildvorlagen werden durch die besondere Reproduktion vereinheitlicht, so dass die Serialität unterstrichen wird. Als eine wunderbare Hommage an die Elemente hat man hier einen spannenden Aspekt der Fixierung des Bewegten.

 

Theresia Hefele: „Flüsse“, 2007-2015.

Serie von 20 Tafeln, je 30 x 15 cm, Fotoemulsion auf Holz, getont und koloriert

Foto Yukara Shimizu

Eine andere Art der „Lichtmalerei“ mittels einer von Licht und Belichtung lebenden Darstellungstechnik, nämlich des Films und der Heliogravüre, stellt der Finne Marko Lampisuo vor. Schon der Titel seines Videos „The End of Landscape“ weist auf einen Ausflug in den Grenzbereich des Genres hin. Es ist aus Filmmaterial montiert, das einerseits aus einem klassischen Fahrvideo besteht, gefilmt auf der Fahrt zwischen den finnischen Städten Pori und Tampere, sowie aus Standaufnahmen in Wäldern oder Fensterblicken, bei denen der Filmer der ruhigen Beobachtung der Bewegungen der Natur nachgeht. Der Film lebt jedoch von der Montage des Materials, davon dass der Film immer und immer wieder von einem Röhrenfernseher abgefilmt wurde und von der hinterlegten, eigens dafür komponierten Musik. Die vorbeiziehenden, ja typisch finnischen Landschaften - Wasserflächen und Wälder im Wechsel - zeichnen sich dabei abwechselnd realistisch in ihrer charakteristischen Lichtstimmung mit tiefstehender Sonne ab, oder das Bild löst sich in Lichtflecken bis hin zu stark farbigen, wie abstrakte Malerei wirkenden, amorphen Formen auf. Diese ungewöhnliche Kombination von kontemplativen Aufnahmen und von Quasi-Farbexplosionen, sowie der Stimmungshaftigkeit der lichtdurchfluteten Landschaften irritieren den Betrachter. Ob damit eine ironische Reflexion auf die Klischees gemeint ist, die man von den nordischen Weiten hat, oder einfach eine Hommage an die Bedingungen in einer Weltgegend, in der das Sonnenlicht in seiner Seltenheit etwas Wertvolles darstellen muss, bleibt im Auge des Betrachters. Jedenfalls gibt es hier Grenzüberschreitungen in Richtung gefilmte Malerei sowie eine Auslotung der Frage: Muss sich im Film immer etwas bewegen? Konsequenterweise verarbeitet der Künstler dann auch Abfolgen seiner Bewegtbild-Arbeit als druckgrafische Serien in der Technik der Heliogravüre. Bei dieser kann man nicht nur Foto- oder Filmmaterial auf speziell präparierte Druckplatten belichten, sondern diese auch noch vor dem Druckvorgang vielfältig bearbeiten. Die so entstandenen Bildfolgen, die wie ein Strip Bild an Bild stehen, sind eine Art Extraktion aus der Videoarbeit. Die Landschaft, geprägt durch Nadelwälder und Seen, zeichnet sich teils klar ab und lässt teilweise eine märchenhafte Stimmung anklingen. Letztendlich bewegen sich aber die Bilder zwischen Abbildung und Auflösung der Abbildung als ein aus Licht und Struktur gebildeter Farbraum.

 

Marko Lampisuo: “The End of Lanscape“, 2013. Videoarbeit / Dauer: 13:28. Video still. Heliogravüren, 22.5 x 30 cm, 2014

Foto Yukara Shimizu

 

Marko Lampisuo: “The End of Sunrise“, The End of Waterfront", The End of Noise", The End of Snowfall".

Heliogravüren, 22.5 x 30 cm, 2014

Fotos Marko Lampisuo

 

Die zweite Videoarbeit von Marko Lampisuo, „Sommer in Finnland …und andere Jahreszeiten“ ist eine sehr analytische, meteorologische Daten berücksichtigende, und doch sehr stimmungsvolle und ästhetische Auseinandersetzung mit den Lichtverhältnissen seines Herkunftslandes. Das ruhig wirkende hochformatig projizierte „Bewegtbild“ besteht aus 365 Aufnahmen verschiedener, fast immer solitär vor dem Himmel stehender Bäume, aufgenommen im Laufe eines Jahres. Oben und unten ist ein Teil des Bildes mit einer rechtwinklig zum Bildformat liegenden schwarzen Fläche überdeckt, wodurch der Künstler technisch in den Grenzbereich zu Grafik und grafischer Retusche vom Filmmaterial hineingeht. Die Abdeckung wechselt stetig in dem Maße, in dem der Lichtanteil an einem Tag mit dem Wechsel der Jahreszeiten ab- oder zunimmt. Die Angabe dieses Zyklus bedeutet eine klare Verortung in der Natur und natürlich besonders in der Natur an einem bestimmten geografischen Ort. Auch greift der Künstler ein Phänomen auf, das in der Vorstellung über Finnland sehr verankert ist, nämlich die psychologische Komponente in Zusammenhang mit den Lichtverhältnissen in Finnland, genannt die Winterdepression, zu der sich automatisch, je nachdem, wo die Ausstellung gastiert, andere Betrachterperspektiven und -reaktionen ergeben.

 

Marko Lampisuo: “Summer in Finland... and Other Seasons”, 2016.

Videoarbeit / Dauer: 7:47. Video still.

Foto Marko Lampisuo

Mit ihrer Arbeit „Look!“ untersucht auch Jovana Banjac das Thema: Wie viel Bewegung braucht ein Bewegtbild? Die Arbeit zeigt einen aus zwei Videos bestehenden, in split screen symmetrisch auf einem Bildschirm gezeigten Panoramablick in die Berge. Er ist der typische Ausblick, wenn man in den oberbayerischen Alpen einen der mittelhohen Berge bestiegen hat und Richtung österreichische Alpen schaut, was eine Verortung in der Umgebung Münchens bedeutet. Schicht für Schicht staffeln sich die Gebirgszüge und verschwimmen dann im fernen Dunst. Umrahmt ist der Blick von den obligatorischen Tannenbäumen. Mit der scheinbaren Unbewegtheit dieser Darstellung und der Zitierung der klassischen Bildmittel, wie Horizontlinie im goldenen Schnitt, Farb-Luft-Perspektive, Einsatz von Diagonalen, zitiert die Künstlerin Landschaftsdarstellungen der Romantik, wie zum Beispiel die Fernblicke C. D. Friedrichs. Der Betrachter wird auf die Probe gestellt und kann erst nach einer gewissen Verweildauer vor diesem „Fernseher“ sehen, dass sich in diesem Quasi-Gemälde doch etwas bewegt. Aber nur die Zweige der Tannenbäume, die sich träge im Wind wiegen. Fast kann man nach einer solchen verweilenden Betrachtung mehr Entspannung bei sich feststellen, als wenn man auf den überfüllten Berggaststätten der bayerischen Alpen selbst zugegen ist: eine Bestätigung der harmonisierenden Wirkung der klassischen Bildmittel?

 

Jovana Banjac: “Look!”, 2016. Video, 12 min. Video Still.

Foto Jovana Banjac

 

Bei der zweiten Arbeit von Jovana Banjac, der Serie „Gezeiten“, hat man es zunächst mit Fotografie im klassischen Sinne zu tun. Auch hier haben wir den Blick in eine scheinbar unendliche Weite, wie sie typisch für Nordseestrände ist. Die warme braun-beige Strandfläche scheint nach hinten hin mit dem Horizont zu verschmelzen. Im Vordergrund stehen nicht - wie es in der Romantik der Fall wäre - einsame Figuren, sondern menschenleere „Strandmöbel“ wie Kinderschaukeln, Schilder, verlassene Strandduschen. Dieses normalerweise übersehene Beiwerk bekommt hier eine besondere Beachtung, und wird effektvoll in seiner Materialität und seinem skulpturhaftem Gepräge inszeniert. Die wenigen Menschen, die auf diesen Bildern zu sehen sind, verlieren sich in der dunstigen Ferne.

 

Jovana Banjac: „Gezeiten“, 2016 (4 aus einer Serie von 15). Farbfotografie, je 30 x 40 cm

Fotos Jovana Banjac

Dunst, der nicht nur die entfernteste Bildzone beherrscht, sondern der wie ein Filter auf dem ganzen Bild liegt, findet man wiederum im Ölgemälde „Palace Gardens I“ von Anne Pincus. Als zusammengesetztes und diese Beschaffenheit explizit betonendes Tableau aus drei Teilen zeigt es in einem Teil einen verschleierten Ausblick in die Raumflucht eines Kanals in einem Schlosspark, der von sauber geschnittenen Hecken gesäumt ist. Im mittleren Teil sehen wir eine fast monochrome Fläche in cremig hellgelben Abstufungen und der linke Teil zeigt den Ausschnitt einer historischen, schematischen Landkarte desselben Parks. Die Dreiteilung bewirkt, dass das Bildkontinuum unterbrochen wird, so dass zu der illusionistischen Darstellung ein Kontrapunkt gesetzt wird. Anne Pincus hat sich dieser Parkblicke und der Zusammenschau von bildlicher Landschaftsdarstellung und des systematischen, quasi verwaltungstechnischen Pendants der kartografischen Darstellung intensiv gewidmet und dazu eine große Werkgruppe geschaffen. Es gibt unter diesen Bildern, bei denen zwei verschiedene Arten der Naturaneignung und -bezähmung miteinander verschränkt werden, die 3-teilige Variante, wie in „Palace Gardens I“ und solche, bei denen sich die Struktur der Karten und eine raumillusionistische Darstellung als zwei Schichten überlagern. Die Strenge dieser Anlagen einerseits, aber andererseits ihre geheimnisvolle Stimmung (besonders die intime Abgeschiedenheit der giardini segreti der Renaissance), welche durch einen von weicher Auflösung geprägten Farbraum herausgearbeitet ist, verweisen auf den Dualismus aus Rationalität und Sentiment, der ideell hinter diesen Parkanlagen steckt.

 

Anne Pincus: „Palace Gardens 1“, 2011. Öl auf Leinwand, 110 x 279 cm (Triptychon)

Foto Anne Pincus

 

Das Geheimnisvolle bis hin zum Beängstigenden haftet auch dem typischen, nordischen Nadel-, Fichten- oder Tannenwald an. Besonders in der deutschen Geschichte, aber auch in der Populärkultur ist er oft missbraucht und eindeutig nationalistisch konnotiert. Anne Pincus zeigt in einer Reihe kleiner, länglicher, querformatiger Ölbilder („Die Wälder schweigen 1-5“) den typischen Blick in den Wald aus der Perspektive des mittelgroßen Erwachsenen, der in einem Wald steht. Dementsprechend sind nur die nackten Stämme zu sehen, dargestellt in einer nüchtern sachlichen, konstatierenden Art, wie sie die Wiederholung auch unterstreicht. Dass kein Mensch zu sehen ist, kann man schon als selbstverständlich voraussetzen. Die Täfelchen variieren in der Lichtstimmung subtil. Der Betrachter sieht sich mit einer dunkel-bedrohlichen Tiefe oder einem freundlichen Licht konfrontiert, das sich durch farbigen Dunst durchdringend Geltung verschafft. Immer aber ist die Raumtiefe präsent, das Unwägbare, das diesem Motiv innewohnt und es als Symbol für das Unbewusste par excellence verwendbar macht. Durch die Quasi-Auflistung der Australierin Anne Pincus wird diese Instrumentalisierung in Frage gestellt.

 

Anne Pincus: „Die Wälder schweigen“ 1 – 4, 2017, Öl auf Holz, je 15 x 40cm

Foto Anne Pincus

 

Mit ihrer Arbeit „Fall I-III“ zeigt die Künstlerin eine dreiteilige Motivgruppe, die in der Wirkung wieder zwischen nüchterner Betrachtung und stimmungsvoller Wirkung changiert. Wie Theresia Hefele greift sie bei diesen Bildern ein typisches Icon der Romantik heraus: Schnee und Eis als Symbole für das Ewige. Die hängenden Eiskaskaden eines winterlichen Wasserfalls, die hier zu sehen sind, wölben sich jedoch so aus einer unergründlich tiefen Bläue heraus, dass man sie auch für etwas anderes halten könnte.

 

Anne Pincus: “Fall I, II & III”, 2016. Öl auf Leinwand, je 80 x 80 cm

Foto Anne Pincus

 

Mit dem Werk „Wilsede Scramble“ zeigt sie ein Beispiel einer Werkgruppe, in der eine Landschaft, in der ureigenen Malweise der Künstlerin dargestellt, mit Schrift, als Repräsentantin eines anderen Ausdruckssystems, kombiniert wird. Auf einem Weitblick in eine Heidelandschaft setzt die Künstlerin kreuz und quer Schriftzüge, die in scheinbar willkürlicher Zusammenstellung aus Ortsnamen aus der Gegend um den „Wilsede Berg“ in der Lüneburger Heide und anderen Begriffen bestehen. Die Begriffe sind teilweise lesbar und teilweise auseinandergezogen. Durch das Aufbrechen der semantischen Einheiten kann man Wörter finden, aber sich auch, wie beim Scrabble, aus Wortteilen und Buchstaben neue Wörter visuell zusammenbauen, oder auch die Buchstaben als reine, zeichenhaft Formen sehen. Die Schriftzüge ergeben eine lose zusammenhängende Struktur, die optisch wiederum kartographischen Netzen ähnelt. Damit überlagern sich hier zwei, oder in Anspielung auch drei Möglichkeiten der systematischen Wirklichkeitsaneignung des Menschen, sie interagieren miteinander und eröffnen in unterschiedlichen Kombinationen neue Assoziationsfelder.

 

Anne Pincus: „Wilsede Scramble“, 2017. Öl auf Leinwand, 110 x 145cm

Foto Anne Pincus

In Anna Kiiskinens Malerei wird ebenfalls das Spannungsfeld zwischen der Raumillusion der klassischen Naturdarstellung und dem Bild als reine Malerei, als bemalte Fläche, in seinen Möglichkeiten ausgelotet. Sie stellt bei planet solitude vier Arbeiten aus der Werkgruppe Bäume vor. Ihre Motive findet die Künstlerin in den letzten Jahren beim Betrachten der Strukturen, die die unendlichen Verästelungen von Bäumen von unten gegen den Himmel gesehen, ergeben. Je nach Baumart und Umgebung, Lichtstimmung, Klimazone sind diese Erscheinungen millionenfach variabel und bieten eine unerschöpfliche Inspirationsquelle und gleichzeitig auch wieder die Möglichkeit zur Verortung. Die drei Bilder der Reihe „Der Apfelbaum im Garten meiner Schwester“ sind Varianten desselben Motivs. Sie sind allerdings als solche in ihrer Abstimmung zwischen Hintergrundfläche und vordergründiger Aststruktur, der fein austarierten Farbgebung zwischen Hintergrund und Vordergrund, aber auch innerhalb der Flächen zum Zwecke einer Gesamtkomposition kaum noch erkennbar. Die Aststruktur überspannt fast die ganze Bildfläche und hält, dadurch dass Räumlichkeit reduziert wurde, das ganze Bild wie eine Art Klammer zusammen. Dabei spielt die Künstlerin raffiniert mit der Angabe und Zurücknahme von Raumtiefe. Die Bilder nähern sich so den All-Over-Strukturen der klassischen Abstrakten wie Pollock an. Man kann sie als reines Konzert von Farbtönen mit einer bestimmten Gesamtstimmung sehen, die zum Beispiel bei „Apfelbaum 1 und 2“ in dem Zusammenklang von hellen Bäumen auf hellem Grund von großer Lichtheit ist. Sie sind aber trotzdem auch Landschaftsausschnitte. Als besonderer Clou kommt in „Apfelbaum III“ dann eine Art Stör-Element vor. Es ist die Spiegelung einer Lampe eingefügt, wie wenn der Baum auf einer Fensterscheibe gespiegelt würde, durch die die Lampe durchscheint. Durch diese verwirrende „Vorspiegelung“ erhält die Darstellung eine surreale Dimension.

 

Anna Kiiskinen: „Der Apfelbaum im Garten meiner Schwester I & III“, 2016. Acryl auf Baumwollgewebe, 100 x 140 cm

Fotos Anna Kiiskinen

 

Anna Kiiskinen: „Der Apfelbaum im Garten meiner Schwester II“, 2016. Acryl auf Baumwollgewebe, 100 x 140 cm

Foto Anna Kiiskinen

 

Die Malerei als Spiel mit der Fläche im abstrakten Sinne betont dann auch die vierte Arbeit von Anna Kiiskinen, „Gülhane Park, Istanbul“. Die Künstlerin experimentierte über die Jahre hinweg auch immer wieder mit konzeptionellen Ansätzen, so auch in diesem großen Acrylbild. Seine schrittweise Entstehung wird in der Ausstellung auch digital vorgestellt: auf einem gerahmten Bildschirm wird gezeigt, wie das Gemälde Stück für Stück entsteht, quasi wie durch Zauberhand, so dass man es hier wiederum mit einer ausgeklügelt zwischen zwei Medien changierenden Arbeit zu tun. Die Entstehung ist als eine Art Spiel angelegt, bei dem sich das Astmotiv – die Äste in fein abgestuften rot, grün und orange Tönen ragen von allen Seiten in den Bildausschnitt - nach und nach als eine Art Puzzle aus viereckigen Segmenten zusammensetzt. Sie tun dies der Reihe nach und so dass jedes dieser Vierecke eine eigenen farbliche Charakterisierung erhält, wie eine Fliese oder Platte. Die Zusammengesetztheit wird so augenzwinkernd angedeutet und trotzdem entsteht durch die virtuose Gesamtabstimmung eine absolute Geschlossenheit dieser großen Farbkomposition.

 

Anna Kiiskinen: “Gülhane Park, Istanbul”, 2017. Acryl auf Baumwollgewebe, 160 x 220 cm

Foto Anna Kiiskinen

Für großformatige gestische Abstraktionen könnte man die Ölbilder der finnischen Malerin Mollu Heino im Vorbeigehen halten. Kaum verweilt man aber, oder sieht die Bilder, wie im Idealfall, aus größerer Distanz, scheinen pointiert dargestellte Landschaftsandeutungen in ihnen auf, die diese Malerin ebenfalls zwischen Naturalismus und Abstraktion verorten. Da sie sich in ihrer Farbauswahl auf ein Grau-Schwarz, zum Bräunlichen hin changierend, und einen beige goldenen Farbton, der ebenfalls durch den satten, ölhaltigen Auftrag fein variiert, konzentriert, sich also hauptsächlich im Bereich von Hell-Dunkel-Werten bewegt, kann sie den Faktor Licht als entscheidendes Phänomen in ihren Werken zur Landschaft bearbeiten. Die Arbeiten sind geprägt durch die in ihrer spezifischen Lichtstimmung eingefangene Außenraumsituationen, die zu Quasi-Kürzeln zusammengefasst und virtuos in unterschiedlich starker Gestik umgesetzt sind. Eine links und rechts Richtung Bildrand dynamisch aufsteigende dunkle, aber in ihrer Dunkelheit selbst tief schimmernden Fläche deutet sich zum Beispiel an das Umfangen-Sein von dunklen Nadelwäldern auf einem Waldweg – die Lichtzone zeigt sich hier nur als ein kleines Dreieck. Mit dieser speziellen klaren Aufteilung, die etwas erfrischend skizzenhaftes besitzt, ist in einem anderen Werk eine licht schimmernde Wasserfläche mit einem akzentuiert aus der Fläche herausragendem Inselkörper dargestellt. Dieses Bild erinnert in der spezifischen Art, wie die höckerartige Insel mit einigen wenigen taktilen Setzungen auf die Bildfläche gebracht ist, zum einen an asiatische Tuschemalerei; zum anderen zeigt sich in einem Lichtakzent, der hier aus den tief schimmernden Ölschichten von warmem hellgelb herausgearbeitet ist, etwas, was an den Lichtstrahl erinnert, den man in vielen Bildern der Romantik vorfindet. In weiteren Bildern, wie in „Gegenlicht“ taucht dieses überirdische, in der Romantik „göttlich“ konnotierte Licht, sparsamer, aber nicht weniger faszinierend als Schimmern oder Glitzern aus einer dunklen Atmosphäre auf. Durch diese spezielle Fokussierung auf Lichtstimmungen lässt sich die Künstlerin (meines Erachtens) künstlerisch durchaus in ihrem Herkunftsland verorten, das aus mitteleuropäischer Sicht gesehen für außergewöhnliche Lichtbedingungen steht.

 

Mollu Heino: Ausstellungsansicht ihrer Werkserie, Öl und Pigment auf Platte, je 97 x 97 cm, 2017.

Foto Yukara Shimizu

 

Mollu Heino: Ausstellungsansicht ihrer Werkserie, Öl und Pigment auf Platte, je 97 x 97 cm, 2017.

Fotos Yukara Shimizu

Ein ungewöhnlicher Umgang mit Licht begegnet einem auch in den Fotoarbeiten von Yukara Shimizu. Mit ihren in der Dämmerung und Nacht aufgenommenen Bildern von räumlichen Situationen im Freien, mit mal engerem und mal weiterem Fokus, hat die Künstlerin ihr ureigenes Ausdrucksmittel gefunden. Die Technik der Fotografie, für die ja Licht elementar ist, wird hierbei insofern an ihre Grenzen geführt, als dass die Künstlerin unter Bedingungen fotografiert, bei denen aufgrund von Lichtmangel und ohne künstliche Lichtquelle theoretisch gar keine Aufnahmen mehr möglich wären. Es entstehen so zum Beispiel nächtliche Landschaften, menschenleere Straßenfluchten und Plätze, Durchblicke oder Ausschnitte von undurchdringlichem, städtischem Grün. Oft sind die Bilder durch ein tiefes, aber auch von innen heraus magisch strahlendes Tintenblau bestimmt oder es herrschen andere gedämpfte, aber immer sanft glimmende Töne als Farbstimmung vor. Dass auf diesen Bildern eine völlige Absenz menschlichen Daseins herrscht, braucht schon fast nicht mehr erwähnt zu werden.

 

In Pasing ist die Künstlerin mit Werken vertreten, die eher zu den Nahaufnahmen zählen und aus ihrer Werkgruppe stammen, die pflanzliche Strukturen wie Blüten und Fruchtstände oder Geäst von Bäumen in den Vordergrund stellen. Mittels scharfer Beobachtung findet die Künstlerin dabei Motive, die eine einmalige Situation darstellen, was das Zusammenspiel mit der Atmosphäre oder den Elementen – manchmal sind zum Beispiel die Blätter nass oder kurz vor dem Verwelken - oder auch mit dem Hintergrund anbelangt. Durch die Lichtverhältnisse erscheint der Hintergrund in den meisten Fällen so unergründlich tief, dass die fokussierten Pflanzenteile im Vordergrund sich fast überreal deutlich plastisch hervortreten. Sie scheinen in ihrer Stofflichkeit zum Greifen nah, wie bei den großen Klassikern der Stofflichkeit wie Velazquez. Auch erzeugt dieses eigentlich nicht fotografiefreundliche Licht, mittels spezieller Aufnahmetechnik überlistet, eine samtige Farbigkeit. Die Farben sind von einer so speziellen Tonalität, dass man durchaus von fotografischer Malerei sprechen kann. Auffällig ist auch die klare Aufteilung der Bilder: zum Beispiel wenn ein paar Zweige einer Weide vor einer Fläche von fließendem Wasser dargestellt sind, die dem Bild eine besondere Ruhe verleihen. Als Ansatz für eine künstlerische Annäherung an die Natur, ist hier eine eindeutige Hommage an diese gegeben. Deren Wandelbarkeit, die Einmaligkeit ihrer Erscheinungen und auch deren Unerbittlichkeit (Hochwasser - Zerstörung, Verwelken – Vergänglichkeit) ist hier auf jeden Fall ein Denkmal gesetzt.

 

Yukara Shimizu: Ausstellungsansicht ihrer Fotoserie.

Foto Yukara Shimizu

 

Yukara Shimizu: „seitwärts Nr. 13“, 2014, 18 x 27 cm (links) & „seitwärts Nr. 7“, 2013, 18 x 24 cm (rechts). Geclée-Prints.

Fotos Yukara Shimizu

 

Yukara Shimizu: „Kirschblüte (Sakura) Nr. 1“, 2016 (links) & Moos Nr. 1, 2014 (rechts). Geclée- Prints, je 24 x 35 cm

Fotos Yukara Shimizu

Einen ähnlichen Ansatz, zumal auch in einer für Denkmäler typischen Technik, dem Bronzeguss, verfolgt die Finnin Talvikki Lehtinen. Wir haben es bei ihren Arbeiten allerdings nicht mit klobigen figuralen Abgüssen zu tun. Sie bearbeitet mit dieser Technik filigrane Objekte aus dem Pflanzenreich. Dabei formt sie konkrete Pflanzen ab und überträgt diese Formen in eine Gießform um im zweiten Schritt davon Bronzegüsse herzustellen. Mittels Weglassen oder Zusammenstellung von Pflanzenfragmenten zu Neuschöpfungen entstehen dabei Einzelobjekte, die zwar stark an die Natur angelehnt sind, die aber auch als skulpturale Statements, unabhängig von ihrer Referenz auf die Natur, angesehen werden können. Meist sind sie als Wandobjekte konzipiert, die von der Ferne auch eine starke grafische Wirkung entfalten.

 

Die Künstlerin präsentiert ihre Arbeiten zumeist in Serien und Werkgruppen, die – typisch für eine Hommage an die Natur – den Variantenreichtum einer pflanzlichen Struktur herausstellen, wie zum Beispiel den schlanken, langen Zweigen der Serie „Hybride“. In Pasing ist neben dieser auch eine weitere Serie ausgestellt, „Ewig I“, die sich besonders auf Strukturen konzentriert, die aus Zweigen, Trieben, aber auch Wurzeln gebildet sind. In der einzelnen Arbeit „Ewig II“ winden und verschlingen sich die pflanzlichen Triebe in alle Richtungen und ergeben zusammen ein luftiges Geflecht, das trotz seiner verzweigten Struktur als ganzes und geschlossenes Objekt wirkt. Trotz der abenteuerlichen Verrenkungen, die diese Pflanzenstränge „veranstalten“, entsteht der Gesamteindruck des Loops, des „Immer-Wieder-An-Den-Ausgangspunkt-Zurückkehrens“, worauf ja auch der Titel der Serie verweist. Die prallgefüllten Fruchtstände dieser aus Finnland stammenden Pflanzen scheinen auch eine Anspielung auf die Kraft der Natur zu sein immer wieder Neues hervorzubringen. Dadurch dass aber auch die Wurzeln zu sehen sind, wird zusätzlich ein negativer Aspekt der Entwurzelung und Naturzerstörung hervorgehoben. Als einen kritischen Hinweis auf den Umgang mit der Natur in der Moderne mit seinen biotechnologischen Züchtungen kann man auch den Titel der anderen Werkgruppe „Hybride“ betrachten. Allerdings sind diese langen Triebe mit ihren daran hängenden Blüten und Wurzelknollen in verschiedenen Varianten auch eine raffinierte Neuschöpfung von Kunstpflanzen. Mit dieser freien Aneignung und Abwandlung der Naturvorlagen postuliert die Künstlerin die Kunst als eine Art Parallelnatur mit ebenfalls unendlichem Formenreichtum.

 

Talvikki Lehtinen: „Ewig I“, Bronze, 4-teilige Wandinstallation, ca. 2m breit (links) & „Ewig II“, Bronze, 78x20x15 cm (rechts). Aus der Serie Garten der Gedanken, 2013-2017.

Fotos Yukara Shimizu

 

Talvikki Lehtinen: "Morgen", Bronze, 50x65x25 cm (links) & "Blüte", Bronze, 2 Teile, ca. 140 cm breit (rechts)

Aus der Serie Garten der Gedanken, 2013-2017.

Fotos Talvikki Lehtinen

 

Talvikki Lehtinen: „Hybride“. Bronze, 6-teilige Wandinstallation, ca. 3 m breit.

Aus der Serie Garten der Gedanken, 2013-2017.

Foto Yukara Shimizu

Das Ausstellungsprojekt planet solitude führt eine große Vielfalt von künstlerischen Gestaltungsansätzen zum Thema Natur vor Augen, eröffnet aber zugleich einen Strauß an inhaltlichen Referenzfeldern. Neben dem philosophischen Blick auf die Natur ist beispielsweise die Naturaneignung durch den Menschen sowie der Missbrauch der Natur durch die menschliche Zivilisation ein Thema der planet solitude KünstlerInnen. Auch blitzt hier immer wieder ein Reflex auf die bisher in der Kunst stattgefundene Umsetzung des Themas auf, vor allem in der Epoche der Romantik. Schließlich handelt es hier aber genauso um eine höchst persönliche Bezugnahme zur Natur, besonders zu der Natur in der direkten Lebensumgebung der KünstlerInnen. Sie schaffen sich damit die Möglichkeit, eine Verortung in ihrem Werk auszudrücken und die Natur als eine wichtige Referenz in ihrem Leben und in ihrer Kunst auszuweisen.

 

Ingrid Thorwart, 2017